Wendershausen im August 1931
Der Jungjüdischen Wanderbund (JJWB), wie auch sein Nachfolger der Brith Haolim, versammelten sich zu ihren jährlichen Bundestagen oft an symbolträchtigen Orten der deutschen Jugendbewegung. Die Bundestage 1925 und 1930 hatte man in Vockerode, am Hohen Meissner abgehalten. Das war der Ort auf dem 1913 der legendäre Erste Freideutsche Jugendtag der deutschen Jugendbewegung stattgefunden hatte. Der berühmten, dort verabschiedeten „Meissnerformel“:
„Die Freideutsche Jugend will nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein.“
fühlte sich auch die jüdische Jugendbewegung verbunden. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass man für den Bundestag 1931 das hessische Wendershausen, unmittelbar am Fuß der Jugendburg Ludwigstein wählte. Es waren auch jüdische Jugendbewegte (wie der Leipziger Hans Österreicher –Mitglied des „Deutsch-jüdischen Wanderbund Kameraden“) gewesen, die am Aufbau der Jugendburg beteiligt waren. Arie Pack nahm am Bundestag in Wendershausen teil und hielt seine Eindrücke in Fotografien fest.
Das politische Klima hatte sich in diesem Jahr jedoch deutlich verändert. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) Adolf Hitlers hatte bei den Wahlen im September 1930 ihre ersten großen Erfolge errungen. Schon im Vorfeld, aber erst recht nach dem Wahlsieg, begannen militante Nationalsozialisten zunehmend ihre Gegner auch körperlich anzugreifen. Dazu zählten, neben den politischen Feinden, von Anfang an auch Juden.
In der Nacht vom 4. Auf den 5.August 1931 griffen SA-Männer und Schüler der nahegelegenen Kolonialschule Witzenhausen einen Lagerplatz des Brit Haolim an. Die Ereignisse der Nacht wurden inzwischen in einem Artikel detailliert beschrieben:
Werner Troßbach, Der Überfall auf den Brith Ha’olim / Jungjüdischer Wanderbund in Wendershausen am 4./5. August 1931, in: Ludwigstein. Annäherungen an die Geschichte der Burg, Hg. Eckart Conze / Susanne Rappe-Weber, Göttingen 2015, S. 227-251.
Die Ermittlungs- und Prozessakte befindet sich im Hessischen Staatsarchiv Marburg und ist digital einsehbar:
https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/showArchivalDescriptionDetails.action?archivalDescriptionId=3670502&executionId=vnN1qJ9eV4
Ein wichtiges Detail aus Ermittlungen und Prozess war auch, dass der bekennende Nationalsozialist und später berüchtigte Präsident des Volksgerichtshofes, der Kasseler Rechtsanwalt Roland Freisler, Verteidiger einiger der Angeklagten war.
Der Überfall von Wendershausen war nicht der erste, der auf jüdische Jugendgruppen zielte und sollte nicht der letzte bleiben.
Eine Bilanz des Jahres 1931:
Als ein Resultat aus diesen Überfällen, veranstaltete der Pfadfinderbund Kadima sein Sommerlager 1932 im tschechischen Bohoradek. Brith Haolim, der für Anfang August 1932 seinen Bundestag zunächst in Magdeburg geplant hatte, sagte diesen kurz zuvor „aus Sicherheitsgründen“ wieder ab.
Ende Dezember 1932 trafen sich im odenwäldischen Strümpfelbrunn Mitglieder der Pionier-Organisation Hechaluz aus Südwestdeutschland zu einer Tagung. Im Angesicht der Normalität solcher Angriffe berichtete, nicht ohne einen gewissen Zynismus, der Brith Haolim-Führer Walter Koch:
„Damit wir noch deutlicher merken, dass wir noch in Deutschland sind, stellten sich auch ein paar Nazis ein. In der Vorhalle rissen sie rotes Transparent herunter, das ausgerechnet die Aufschrift ‚Schalom‘ [Frieden] trug. Einmal gelang es ihnen, ins Haus zu kommen und die Lichtsicherungen auszudrehen. Ein paar unserer Leute wurden angepöbelt. Abends wurden unsere Fensterläden mit Steinen bombardiert, aber wir brauchten uns keinen Augenblick zu fürchten, denn wir waren stark und furchtbar mit allen Geräten der Küche bewaffnet. Immerhin, es gab ein bisschen Überfall-Romantik. Aber Tote und Verwundete sind glücklicherweise nicht zu vermelden.“
W. Koch: Jugendlager des Hechaluz in Südwestdeutschland 25.12. 1932-1.1.1933, in: Informationsblatt, Hechaluz, deutscher Landesverband, Nr. 51/52, Januar/Februar 1933. S. 33f.
„noch in Deutschland…“, deutlicher kann die Frage nach einer Lebensperspektive, für Angehörige der zionistischen Jugendbewegung Deutschlands Anfang 1933, noch vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, wohl nicht beschrieben werden.
„Die Freideutsche Jugend will nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein.“
fühlte sich auch die jüdische Jugendbewegung verbunden. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass man für den Bundestag 1931 das hessische Wendershausen, unmittelbar am Fuß der Jugendburg Ludwigstein wählte. Es waren auch jüdische Jugendbewegte (wie der Leipziger Hans Österreicher –Mitglied des „Deutsch-jüdischen Wanderbund Kameraden“) gewesen, die am Aufbau der Jugendburg beteiligt waren. Arie Pack nahm am Bundestag in Wendershausen teil und hielt seine Eindrücke in Fotografien fest.
Das politische Klima hatte sich in diesem Jahr jedoch deutlich verändert. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) Adolf Hitlers hatte bei den Wahlen im September 1930 ihre ersten großen Erfolge errungen. Schon im Vorfeld, aber erst recht nach dem Wahlsieg, begannen militante Nationalsozialisten zunehmend ihre Gegner auch körperlich anzugreifen. Dazu zählten, neben den politischen Feinden, von Anfang an auch Juden.
In der Nacht vom 4. Auf den 5.August 1931 griffen SA-Männer und Schüler der nahegelegenen Kolonialschule Witzenhausen einen Lagerplatz des Brit Haolim an. Die Ereignisse der Nacht wurden inzwischen in einem Artikel detailliert beschrieben:
Werner Troßbach, Der Überfall auf den Brith Ha’olim / Jungjüdischer Wanderbund in Wendershausen am 4./5. August 1931, in: Ludwigstein. Annäherungen an die Geschichte der Burg, Hg. Eckart Conze / Susanne Rappe-Weber, Göttingen 2015, S. 227-251.
Die Ermittlungs- und Prozessakte befindet sich im Hessischen Staatsarchiv Marburg und ist digital einsehbar:
https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/showArchivalDescriptionDetails.action?archivalDescriptionId=3670502&executionId=vnN1qJ9eV4
Ein wichtiges Detail aus Ermittlungen und Prozess war auch, dass der bekennende Nationalsozialist und später berüchtigte Präsident des Volksgerichtshofes, der Kasseler Rechtsanwalt Roland Freisler, Verteidiger einiger der Angeklagten war.
Der Überfall von Wendershausen war nicht der erste, der auf jüdische Jugendgruppen zielte und sollte nicht der letzte bleiben.
Eine Bilanz des Jahres 1931:
- Mitte April wurde nahe Trier eine Jugendgruppe des Jüdischen Jugendbundes angegriffen. Sie wurden geschlagen, einer Fahne und Zeltgeräten beraubt und bis an den Stadtrand verfolgt und bedroht.
- Am 24. Juni schlugen Nationalsozialisten, bewaffnet mit Koppelschlössern, Stahlringen und Stahlruten, mitten in Berlin auf Mitglieder des Pfadfinderbundes Kadima ein und verletzten einige dabei.
- Pfadfinder des Jüdischen Pfadfinderbundes aus Berlin wurden am 18. Juli, auf ihrer Sommer-Fahrt in Würzburg, von Nationalsozialisten überfallen und misshandelt.
- Das Bundeslager von Kadima Anfang August in Naundorf (heute ein Ortsteil von Dessau), dass am selben Wochenende wie der Bundestag von Brith Haolim in Wendershausen stattfand, wurde ebenfalls angegriffen. Am Abfahrtstag wurde eine Kadima-Gruppe aus Frankfurt am Main überfallen und verprügelt.
- Im Thüringischen Pennewitz bei Ilmenau traf sich, auch Anfang August, der Bund der Junggruppen zu seinem Sommertreffen. Nationalsozialisten zerschnitten eine Zeltbahn und stahlen einen Wimpel. Die jüdischen Jugendlichen wurden zunächst mit Knüppeln bedroht, dann wurden einzelne misshandelt. Die zu Hilfe gerufene Polizei erklärte sich für nicht zuständig, so dass Mitglieder des sozialistischen und antifaschistischen „Reichbanners“ aus der Umgebung den Schutz des Lagers übernehmen mussten.
Als ein Resultat aus diesen Überfällen, veranstaltete der Pfadfinderbund Kadima sein Sommerlager 1932 im tschechischen Bohoradek. Brith Haolim, der für Anfang August 1932 seinen Bundestag zunächst in Magdeburg geplant hatte, sagte diesen kurz zuvor „aus Sicherheitsgründen“ wieder ab.
Ende Dezember 1932 trafen sich im odenwäldischen Strümpfelbrunn Mitglieder der Pionier-Organisation Hechaluz aus Südwestdeutschland zu einer Tagung. Im Angesicht der Normalität solcher Angriffe berichtete, nicht ohne einen gewissen Zynismus, der Brith Haolim-Führer Walter Koch:
„Damit wir noch deutlicher merken, dass wir noch in Deutschland sind, stellten sich auch ein paar Nazis ein. In der Vorhalle rissen sie rotes Transparent herunter, das ausgerechnet die Aufschrift ‚Schalom‘ [Frieden] trug. Einmal gelang es ihnen, ins Haus zu kommen und die Lichtsicherungen auszudrehen. Ein paar unserer Leute wurden angepöbelt. Abends wurden unsere Fensterläden mit Steinen bombardiert, aber wir brauchten uns keinen Augenblick zu fürchten, denn wir waren stark und furchtbar mit allen Geräten der Küche bewaffnet. Immerhin, es gab ein bisschen Überfall-Romantik. Aber Tote und Verwundete sind glücklicherweise nicht zu vermelden.“
W. Koch: Jugendlager des Hechaluz in Südwestdeutschland 25.12. 1932-1.1.1933, in: Informationsblatt, Hechaluz, deutscher Landesverband, Nr. 51/52, Januar/Februar 1933. S. 33f.
„noch in Deutschland…“, deutlicher kann die Frage nach einer Lebensperspektive, für Angehörige der zionistischen Jugendbewegung Deutschlands Anfang 1933, noch vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, wohl nicht beschrieben werden.
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In Zusammenarbeit mit
DFG-Forschungsprojekt: „Zwischen Alija und Flucht. Jüdische Jugendbünde und zionistische Erziehung unter dem NS-Regime und im vorstaatlichen Israel 1933–1945.“
Projektleitung: Prof. Dr. Ulrike Pilarczyk, +49 (0) 531-391 8807, ulrike.pilarczyk(at)tu-bs.de Technische Universität Braunschweig | Institut für Erziehungswissenschaft © 2023 |