Jüdische Jugendbewegung
Zur Geschichte der jüdischen Jugendbewegung existiert inzwischen eine Vielzahl von Veröffentlichungen. Trotzdem ist sie den meisten Menschen noch weitgehend unbekannt.
Einschlägige Literatur zum Thema findet sich unter:
https://www.juedischejugendkultur.de/biblio-juedische_jugendbewegung_in_deutschland.html
Die Gründung des ersten jüdischen Jugendbundes, kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges, war den Bedürfnissen jüdischer Jugendlicher und junger Erwachsener geschuldet, die attraktive Angebote einer gemeinsamen Freizeitgestaltung vermissten. Es sollte, so die Initiatoren, ein Bund „nach Art des Wandervogels“ sein. Der rasche Erfolg des Projektes legt nahe, dass die Idee zu dieser Zeit gewissermaßen schon „in der Luft“ lag. Ähnlich der „deutschen“ Jugendbewegung war die jüdische Jugendbewegung auch durch eine Vielzahl von (politischen oder religiösen) Orientierungsversuchen und Spaltungen geprägt.
Der Antisemitismus in Deutschland, auch in der „deutschen“ Jugendbewegung, war ein entscheidender Faktor für die eigenständige Entwicklung der jüdischen Jugendbewegung. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 und der damit verbundenen Diskriminierung und Entrechtung der jüdischen Bevölkerung wurden die jüdischen Jugendbünde zu einem immer wichtigeren Sammelpunkt für Jugendliche und zu einem Aktivposten jüdischen Lebens. Die jüdische Jugendbewegung und hier insbesondere die chaluzischen Jugendbünde, die auf eine Auswanderung nach Palästina orientierten, retteten damit tausenden jüdischen Jugendlichen das Leben.
Weil eine Orientierung in der Geschichte der jüdischen Jugendbewegung nicht immer leicht ist, werden im Folgenden die wichtigsten Ereignisse in einer Chronologie zusammengefasst:
1912 – Fast zeitgleich, aber unabhängig voneinander, gründeten sich in Breslau und Berlin erste Wandergruppen nationaljüdischer/zionistischer Prägung, die sich 1914 zum „Jüdischen Wanderbund Blau-Weiss“ zusammenschlossen.
1913 wurde einem jüdischen Mädchen im sächsischen Zittau, das alle Prüfungen zum „Wandervogel“ bestanden hatte, der Eintritt in die Ortsgruppe wegen ihrer jüdischen Herkunft verweigert. Einzelne Wandervogelführer protestierten dagegen.
Im Herbst erschien eine offen antisemitische Nummer der „Wandervogelführerzeitung“ und ein Pamphlet „Der Wandervogel deutsch“, die den Ausschluss von Juden aus den Bünden des Wandervogels forderten. Auf dem „Ersten Freideutschen Jugendtag“ 1913, auf dem Hohen Meissner, standen sich antisemitische Wandervögel und andere Wandervögel, die gegen diese Zumutung protestierten, gegenüber. Die Mehrheit der Anwesenden verhielt sich abwartend und ließ mit dieser Haltung ihre jüdischen Mit-Wanderinnen in Stich.
1914 wurde auf dem Bundestag des „Wandervogel“ beschlossen, dass es den einzelnen Gruppen überlassen sein bliebe, Juden auszuschließen. Viele jüdische Wandervögel verließen daraufhin und nachdem sich die antisemitischen Positionen immer weiter ausbreiteten, die deutschen Jugendbünde. Einige der Ausgeschlossenen und Ausgetretenen schlossen sich dem zionistischen Jugendbund „Blau-Weiss“ an.
1916 gründeten jüdische Jugendliche in Breslau einen nicht-zionistischen Wanderbund, der sich 1921 mit anderen Gruppen zum „Deutsch-Jüdischen Wanderbund Kameraden“ zusammenschloss.
1918 entstand für jüdisch-orthodoxe (religiöse) Jugendliche der Wanderbund „Esra“.
1920 vereinigten sich Wandergruppen, die dem „Verband jüdischer Jugendvereine“ (VJJVD) angehörten, zum „Jungjüdischen Wanderbund“ (JJWB). Der JJWB verstand sich zunächst als „neutral“, das hieß, dass er weder zionistisch noch anti-zionistisch sein wollte. 1922 erklärte der JJWB seine Unabhängigkeit vom VJJD.
1922 beschloss der „Blau-Weiss“ auf seinem Bundestag in Prunn die strikte Unterordnung der Wanderer und Wanderinnen unter die Weisungen und Beschlüsse der Führerschaft. Aus Protest verließen eine Reihe der Mitglieder den Bund. Einige schlossen sich zu einem kleinen Bund namens Brith Haolim (Bund der „Aufsteigenden“) zusammen.
1922 gründete der „Hechaluz“, die internationale Vereinigung der Pioniere für Palästina, einen deutschen Landesverband. Der „Hechaluz“ war kein wirklicher Jugendbund, denn er stand Menschen bis 35 Jahren offen, aber die Jugendbünde in Deutschland spielten in der Organisation eine führende Rolle. Diese Pionier (Chaluz)-Organisation war verantwortlich für die Hachschara (Tauglichmachung), die Alija (Übersiedlung nach Palästina) und die Eingliederung in den Kibbuz. Hachschara-Ausbildungen gab es in Deutschland seit 1919.
1925 gerieten „Blau-Weisse“, die schon nach Palästina übergesiedelt waren und in Tel Aviv eine eigene „Werkstatt“ errichtet hatten, mit der jüdischen Gewerkschaft des Landes (Histadruth) in einen Konflikt, in dem sie schließlich unterlagen. Vor allem diese Niederlage führte zum Niedergang des „Blau-Weiss“, der sich 1927 auflöste. Für die Jüngeren des Bundes hatte man 1926 einen eigenen Pfadfinderbund namens „Kadima“ (Vorwärts) gegründet, der auch nach dem Ende von „Blau-Weiss“ noch weiterbestand.
Im „Deutsch-Jüdischen Wanderbund Kameraden“ bildeten sich ab Mitte der 1920er Jahre ebenfalls verschiedene Strömungen heraus, darunter eine nur wenige hundert Mitglieder umfassende sozialistische Gruppe, der „Schwarze Haufen“ (SH). 1927 wurde der SH aus den „Kameraden“ ausgeschlossen und löste sich 1928/29 auf.
Der „Jungjüdische Wanderbund“ (JJWB), der zwischen Neutralität, kommunistischen und zionistischen Ansprüchen hin-und hergerissen wurde, entschied sich 1925 für den Zionismus. Er schloss sich mit dem kleineren „Brith Haolim“ zusammen und verpflichtete seine Mitglieder auf eine Übersiedlung nach Palästina und ein Leben im Kibbuz.
1927 In Dörfern nahe der Stadt Hameln hatte sich ab 1925 das größte Zentrum von Pionieren (Chaluzim) in Deutschland gebildet. Auf dem Höhepunkt absolvierten dort etwa 100 Chaluzim und Chaluzot ihre berufliche Ausbildung (Hachschara). Als es wegen einer Sperre der Einwanderung nach Palästina unmöglich schien, das Land in absehbarer Zeit zu erreichen, beendete der Großteil der dortigen Chaluzim seine Ausbildung und verließ Hameln. Es blieb ein kleiner Kern zurück, der sich den Namen „Kibbuz Cherut“ gab. Die erste Gruppe vom „Kibbuz Cherut“ verließ im November 1928 Deutschland. Zusammen mit anderen gründeten sie in Palästina den Kibbuz „Givat Brenner“, den ersten Kibbuz mit einer bedeutenden Gruppe deutscher Chaluzim und Chaluzot.
1928 Nachdem sich auch der Pfadfinderbund „Kadima“ zunehmend am Zionismus orientierte, beschlossen einige Führer und Mitglieder des Bundes, „Kadima“ zu verlassen. Sie gründeten den „Jüdischen Pfadfinderbund Deutschland“ (IPD), der sich zu politischer Neutralität und pfadfinderischer Erziehung verpflichtete. Als Pendant zur säkularen Pionierorganisation Hechaluz gründeten in diesem Jahr orthodox-zionistische Chaluzim mit dem „Bachad“ (Brith Chaluzim Datiim) ihre eigene Organisation.
1930 Der „Jungjüdische Wanderbund“ gab sich auf seinem Bundestag den Namen „Brith Haolim“.
1931 Der „Haschomer Hazair“ (HH), ein bedeutender sozialistisch-zionistischer Jugendbund mit Schwerpunkten in Osteuropa und Palästina, gründete 1931 seinen deutschen Landesverband. Dessen Organisationversuche in Deutschland blieben jedoch beschränkt.
Orthodoxe Jugendliche, die sich als Zionist*innen verstanden, gründeten mit „Zeire Misrachi“ ihren eigenen Bund.
1932 Im Sommer löste sich der „Deutsch-jüdische Wanderbund Kameraden“ auf, die Spannungen der verschiedenen Richtungen im Bund waren nicht mehr vermittelbar. Aus seiner Mitgliedschaft entstanden drei neue Jugendbünde: die sozialistische „Freie Deutsch-Jüdische Jugend“ (Auflösung im Frühjahr 1933), das jugendbündisch-deutschnationale „Schwarze Fähnlein“ (Verbot im Dezember 1934) und als größter Bund: die „Werkleute“ (Bund jüdische Jugend). Im Frühjahr 1933 beschloss die Führung der „Werkleute“ ihren Weg zum Zionismus. Der Bund gründete 1936 Hasorea, einen eigenen Kibbuz in Palästina.
1933 Schon 1932 begann Recha Freier in Berlin für ihre Idee zu werben, jüdische Jugendliche unter 18 Jahren, die von der Jugendarbeitslosigkeit während der Weltwirtschaftskrise und dem zunehmenden Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft stark betroffen waren, nach Palästina zu bringen. Sie sollten dort in Jugenddörfern und Kibbuzim eine Ausbildung erhalten. Im Februar 1933 wurde dafür die „Jüdische Jugendhilfe“ gegründet, die sich mit weiteren Organisationen zur „Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugend-Alija“ zusammenschloss. Anfang 1934 verließ die erste geschlossene Gruppe der „Jugend-Alija“ Deutschland. Sie wurde im Kibbuz Ein Charod in Palästina aufgenommen.
1931/32 begannen Verhandlungen zwischen den Jugendbünden „Brith Haolim“ und „Kadima“ mit dem Ziel einer Vereinigung. Erstes gemeinsames Projekt wurde die Herausgabe der Zeitschrift „Galgal“. Im Februar 1933 vereinigten sich beide Jugendbünde unter dem neuen Namen „Habonim noar Chaluzi“ (Bauleute – junge Pioniere; kurz: Habonim). Damit war der bis dahin größte chaluzische Jugendbund mit ca. 3000 Mitgliedern entstanden.
Der Pionier-Verband „Hechaluz“, der 1932 etwa 600 Mitglieder hatte, verfügte gegen Ende des Jahres 1933 über 14 000 Mitglieder.
Auch die nichtzionistischen Jugendbünde bekamen nach der nationalsozialistischen Machtübernahme mehr und mehr Zulauf. Im Dezember 1933 entstand aus kleineren Bünden und Vereinen mit dem „Bund deutsch-jüdischer Jugend“ (BDJJ) der größte Jugendbund nicht-zionistischer Prägung.
Der schon seit 1924 bestehende „Reichsausschuss der jüdischen Jugendverbände“, dem 1933 fast 100 Jugendbünde und –vereine angehörten, wurde im November 1933 von der nationalsozialistischen Reichsjugendführung als „verantwortliche Zentralorganisation der jüdischen Jugend“ anerkannt und damit zum alleinigen Verhandlungspartner bestimmt.
1934 Aus der Jugend des Sportvereins „Makkabi“, dem „Jüdischen Pfadfinderbund“ (IPD) und kleineren Jugendbünden entstand der Pfadfinderbund „Makkabi Hazair“ (Der junge Makkabäer), der über die größte Mitgliederschaft jüdischer Jugendbünde verfügte. Programmatisch stand er zunächst der bürgerlichen „Zionistischen Vereinigung für Deutschland“ (ZVfD) nahe. Erst als Fragen von Alija und Kibbuz auch in diesen Jugendbund drängten, entschied man sich für (moderat) sozialistisch-zionistische Ziele, die auch den Weg zu einem Leben im Kibbuz öffneten.
1937 Der „Bund deutsch-jüdischer Jugend“ (BDJJ) wurde 1936 gezwungen, das Wort „deutsch“ aus seinem Bundesnamen zu entfernen und nannte sich daraufhin „Ring. Bund jüdischer Jugend“. Da die nationalsozialistischen Machthaber aber kein Interesse an jüdischen Organisationen und Jugendbünden hatten, die ihre Mitglieder nicht zur Auswanderung motivierten, wurde der „Ring“ als letzter nichtzionistischer Jugendbund im Frühjahr 1937 verboten.
Die vom „Reichsausschuss der jüdischen Jugendverbände“ publizierte Sammelschrift: „Gemeinschaftsarbeit der jüdischen Jugend“ erschien mit dem bis dahin umfassendsten Überblick zur Organisation der jüdischen Jugend in Deutschland.
1938 Der 1929 in Deutschland gegründete Landesverband des zionistisch-revisionistischen Jugendbundes „Betar“, der sich 1933 in „Jüdischer Jugendbund Herzlia“ umbenannt hatte, genoss nach 1933 zunächst gegenüber anderen jüdischen Jugendbünden Privilegien. So war er z.B. vom Uniformverbot ausgenommen, dennoch gelang es ihm nicht, eine nennenswerte Mitgliederschaft aufzubauen. Ende August 1938 wurde er als erster zionistischer Bund verboten.
Im Sommer 1938 begannen die meisten zionistischen Jugendbünde ihre Arbeit umzustellen. Es war auf Grund der vielen Restriktionen inzwischen fast unmöglich geworden, ein attraktives jugendbündisches Leben zu organisieren und neue Mitglieder zu werben. Ende Oktober, im Zuge der sogenannten „Polenaktion“, wurden zahlreiche Mitglieder von Jugendbünden inhaftiert und über die polnische Grenze abgeschoben. Im Novemberpogrom vom 9.–11. November 1938 wurden zahlreiche Ausbildungsorte der Hachschara überfallen, Chaluzim misshandelt, verhaftet und in Konzentrationslager gebracht. In der Bomsdorfer Hachschara bei Bitterfeld wurde ein Chaluz ermordet.
Mit Ausnahme von Makkabi Hazair stellten die chaluzischen Jugendbünde ihre Arbeit nach den Novemberpogromen 1938 fast gänzlich ein, schickten die Chaluzim auf Auslands-Hachschara und unternahmen alles, um ihre in KZs inhaftierten Mitglieder frei zu bekommen. Einige Funktionäre des Hechaluz arbeiteten ab Ende 1938 in der Abteilung Berufsvorbereitung des Palästinaamtes weiter.
1939 Da die Möglichkeiten zur Einwanderung nach Palästina durch die britische Alija-Politik immer weiter eingeschränkt wurden, begannen zionistische Instanzen auch illegale Auswanderungen (Alija Beth) nach Palästina zu organisieren. In Deutschland nannte man sie „Sonder-Hachschara“. Sie wurde von den Nationalsozialisten noch eine Zeit lang geduldet und gelegentlich sogar unterstützt.
Ab 1939 wurden von den in Deutschland verbliebenen zionistischen Aktivist*innen neue Hachschara-Ausbildungen organisiert, die nun allerdings schärfer reglementiert und überwacht wurden. Der Umbau der Hachschara-Arbeiten, die in Art und Form nichts mehr mit der ursprünglichen Intention der Auswanderungsvorbereitung zu tun hatten und in ein System der jüdischen Zwangsarbeit führten, war 1941 abgeschlossen.
1941 wurden die meisten Hachscharot aufgelöst.
1942 Im Mai des Jahres verübten Mitglieder einer illegalen Gruppe um den jüdischen Kommunisten Herbert Baum einen Brandanschlag auf eine „antibolschewistische“ Ausstellung im Berliner Lustgarten. Die Mehrzahl der Gruppenmitglieder hatte vorher verschiedenen jüdischen Jugendbünden, von „Deutsch-Jüdischer Jugend-Gemeinschaft“ bis „Haschomer Hazair“, angehört. Fast alle wurden gefasst und ermordet.
1943 Ende Januar wurde im niederländischen Breda Joachim „Schuschu“ Simon verhaftet. Er hatte in Deutschland dem „Habonim“ und „Hechaluz“ angehört, war im November 1938 auf seiner Hachschara in Ellguth verhaftet worden und ins KZ Buchenwald gekommen. Seine Entlassung wurde nur durch die Zusicherung einer Hachscharastelle in den Niederlanden möglich. Nach dem Beginn der Deportationen dort gehörte er zur Widerstandsgruppe um Joop Westerweel, die Fluchtrouten nach Frankreich, Spanien und Portugal vorbereitete. Nach wenigen Tagen in Haft beging Schuschu Simon Suizid.
In Berlin formierte sich im Februar um den Lehrer Jitzchak Schwerzenz eine kleine Gruppe namens Chug Chaluzi (Pionier-Kreis), die sich für ein Leben im Untergrund vorbereitete. Wenig später tauchten alle unter und lebten in der Illegalität.
Von April bis Juni 1943 wurden die Chaluzim, Chaluzoth sowie das Personal der Hachschara in Neuendorf im Sande, der letzten Hachschara-Stätte in Deutschland, in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert, einige von ihnen überlebten.
Einschlägige Literatur zum Thema findet sich unter:
https://www.juedischejugendkultur.de/biblio-juedische_jugendbewegung_in_deutschland.html
Die Gründung des ersten jüdischen Jugendbundes, kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges, war den Bedürfnissen jüdischer Jugendlicher und junger Erwachsener geschuldet, die attraktive Angebote einer gemeinsamen Freizeitgestaltung vermissten. Es sollte, so die Initiatoren, ein Bund „nach Art des Wandervogels“ sein. Der rasche Erfolg des Projektes legt nahe, dass die Idee zu dieser Zeit gewissermaßen schon „in der Luft“ lag. Ähnlich der „deutschen“ Jugendbewegung war die jüdische Jugendbewegung auch durch eine Vielzahl von (politischen oder religiösen) Orientierungsversuchen und Spaltungen geprägt.
Der Antisemitismus in Deutschland, auch in der „deutschen“ Jugendbewegung, war ein entscheidender Faktor für die eigenständige Entwicklung der jüdischen Jugendbewegung. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 und der damit verbundenen Diskriminierung und Entrechtung der jüdischen Bevölkerung wurden die jüdischen Jugendbünde zu einem immer wichtigeren Sammelpunkt für Jugendliche und zu einem Aktivposten jüdischen Lebens. Die jüdische Jugendbewegung und hier insbesondere die chaluzischen Jugendbünde, die auf eine Auswanderung nach Palästina orientierten, retteten damit tausenden jüdischen Jugendlichen das Leben.
Weil eine Orientierung in der Geschichte der jüdischen Jugendbewegung nicht immer leicht ist, werden im Folgenden die wichtigsten Ereignisse in einer Chronologie zusammengefasst:
1912 – Fast zeitgleich, aber unabhängig voneinander, gründeten sich in Breslau und Berlin erste Wandergruppen nationaljüdischer/zionistischer Prägung, die sich 1914 zum „Jüdischen Wanderbund Blau-Weiss“ zusammenschlossen.
1913 wurde einem jüdischen Mädchen im sächsischen Zittau, das alle Prüfungen zum „Wandervogel“ bestanden hatte, der Eintritt in die Ortsgruppe wegen ihrer jüdischen Herkunft verweigert. Einzelne Wandervogelführer protestierten dagegen.
Im Herbst erschien eine offen antisemitische Nummer der „Wandervogelführerzeitung“ und ein Pamphlet „Der Wandervogel deutsch“, die den Ausschluss von Juden aus den Bünden des Wandervogels forderten. Auf dem „Ersten Freideutschen Jugendtag“ 1913, auf dem Hohen Meissner, standen sich antisemitische Wandervögel und andere Wandervögel, die gegen diese Zumutung protestierten, gegenüber. Die Mehrheit der Anwesenden verhielt sich abwartend und ließ mit dieser Haltung ihre jüdischen Mit-Wanderinnen in Stich.
1914 wurde auf dem Bundestag des „Wandervogel“ beschlossen, dass es den einzelnen Gruppen überlassen sein bliebe, Juden auszuschließen. Viele jüdische Wandervögel verließen daraufhin und nachdem sich die antisemitischen Positionen immer weiter ausbreiteten, die deutschen Jugendbünde. Einige der Ausgeschlossenen und Ausgetretenen schlossen sich dem zionistischen Jugendbund „Blau-Weiss“ an.
1916 gründeten jüdische Jugendliche in Breslau einen nicht-zionistischen Wanderbund, der sich 1921 mit anderen Gruppen zum „Deutsch-Jüdischen Wanderbund Kameraden“ zusammenschloss.
1918 entstand für jüdisch-orthodoxe (religiöse) Jugendliche der Wanderbund „Esra“.
1920 vereinigten sich Wandergruppen, die dem „Verband jüdischer Jugendvereine“ (VJJVD) angehörten, zum „Jungjüdischen Wanderbund“ (JJWB). Der JJWB verstand sich zunächst als „neutral“, das hieß, dass er weder zionistisch noch anti-zionistisch sein wollte. 1922 erklärte der JJWB seine Unabhängigkeit vom VJJD.
1922 beschloss der „Blau-Weiss“ auf seinem Bundestag in Prunn die strikte Unterordnung der Wanderer und Wanderinnen unter die Weisungen und Beschlüsse der Führerschaft. Aus Protest verließen eine Reihe der Mitglieder den Bund. Einige schlossen sich zu einem kleinen Bund namens Brith Haolim (Bund der „Aufsteigenden“) zusammen.
1922 gründete der „Hechaluz“, die internationale Vereinigung der Pioniere für Palästina, einen deutschen Landesverband. Der „Hechaluz“ war kein wirklicher Jugendbund, denn er stand Menschen bis 35 Jahren offen, aber die Jugendbünde in Deutschland spielten in der Organisation eine führende Rolle. Diese Pionier (Chaluz)-Organisation war verantwortlich für die Hachschara (Tauglichmachung), die Alija (Übersiedlung nach Palästina) und die Eingliederung in den Kibbuz. Hachschara-Ausbildungen gab es in Deutschland seit 1919.
1925 gerieten „Blau-Weisse“, die schon nach Palästina übergesiedelt waren und in Tel Aviv eine eigene „Werkstatt“ errichtet hatten, mit der jüdischen Gewerkschaft des Landes (Histadruth) in einen Konflikt, in dem sie schließlich unterlagen. Vor allem diese Niederlage führte zum Niedergang des „Blau-Weiss“, der sich 1927 auflöste. Für die Jüngeren des Bundes hatte man 1926 einen eigenen Pfadfinderbund namens „Kadima“ (Vorwärts) gegründet, der auch nach dem Ende von „Blau-Weiss“ noch weiterbestand.
Im „Deutsch-Jüdischen Wanderbund Kameraden“ bildeten sich ab Mitte der 1920er Jahre ebenfalls verschiedene Strömungen heraus, darunter eine nur wenige hundert Mitglieder umfassende sozialistische Gruppe, der „Schwarze Haufen“ (SH). 1927 wurde der SH aus den „Kameraden“ ausgeschlossen und löste sich 1928/29 auf.
Der „Jungjüdische Wanderbund“ (JJWB), der zwischen Neutralität, kommunistischen und zionistischen Ansprüchen hin-und hergerissen wurde, entschied sich 1925 für den Zionismus. Er schloss sich mit dem kleineren „Brith Haolim“ zusammen und verpflichtete seine Mitglieder auf eine Übersiedlung nach Palästina und ein Leben im Kibbuz.
1927 In Dörfern nahe der Stadt Hameln hatte sich ab 1925 das größte Zentrum von Pionieren (Chaluzim) in Deutschland gebildet. Auf dem Höhepunkt absolvierten dort etwa 100 Chaluzim und Chaluzot ihre berufliche Ausbildung (Hachschara). Als es wegen einer Sperre der Einwanderung nach Palästina unmöglich schien, das Land in absehbarer Zeit zu erreichen, beendete der Großteil der dortigen Chaluzim seine Ausbildung und verließ Hameln. Es blieb ein kleiner Kern zurück, der sich den Namen „Kibbuz Cherut“ gab. Die erste Gruppe vom „Kibbuz Cherut“ verließ im November 1928 Deutschland. Zusammen mit anderen gründeten sie in Palästina den Kibbuz „Givat Brenner“, den ersten Kibbuz mit einer bedeutenden Gruppe deutscher Chaluzim und Chaluzot.
1928 Nachdem sich auch der Pfadfinderbund „Kadima“ zunehmend am Zionismus orientierte, beschlossen einige Führer und Mitglieder des Bundes, „Kadima“ zu verlassen. Sie gründeten den „Jüdischen Pfadfinderbund Deutschland“ (IPD), der sich zu politischer Neutralität und pfadfinderischer Erziehung verpflichtete. Als Pendant zur säkularen Pionierorganisation Hechaluz gründeten in diesem Jahr orthodox-zionistische Chaluzim mit dem „Bachad“ (Brith Chaluzim Datiim) ihre eigene Organisation.
1930 Der „Jungjüdische Wanderbund“ gab sich auf seinem Bundestag den Namen „Brith Haolim“.
1931 Der „Haschomer Hazair“ (HH), ein bedeutender sozialistisch-zionistischer Jugendbund mit Schwerpunkten in Osteuropa und Palästina, gründete 1931 seinen deutschen Landesverband. Dessen Organisationversuche in Deutschland blieben jedoch beschränkt.
Orthodoxe Jugendliche, die sich als Zionist*innen verstanden, gründeten mit „Zeire Misrachi“ ihren eigenen Bund.
1932 Im Sommer löste sich der „Deutsch-jüdische Wanderbund Kameraden“ auf, die Spannungen der verschiedenen Richtungen im Bund waren nicht mehr vermittelbar. Aus seiner Mitgliedschaft entstanden drei neue Jugendbünde: die sozialistische „Freie Deutsch-Jüdische Jugend“ (Auflösung im Frühjahr 1933), das jugendbündisch-deutschnationale „Schwarze Fähnlein“ (Verbot im Dezember 1934) und als größter Bund: die „Werkleute“ (Bund jüdische Jugend). Im Frühjahr 1933 beschloss die Führung der „Werkleute“ ihren Weg zum Zionismus. Der Bund gründete 1936 Hasorea, einen eigenen Kibbuz in Palästina.
1933 Schon 1932 begann Recha Freier in Berlin für ihre Idee zu werben, jüdische Jugendliche unter 18 Jahren, die von der Jugendarbeitslosigkeit während der Weltwirtschaftskrise und dem zunehmenden Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft stark betroffen waren, nach Palästina zu bringen. Sie sollten dort in Jugenddörfern und Kibbuzim eine Ausbildung erhalten. Im Februar 1933 wurde dafür die „Jüdische Jugendhilfe“ gegründet, die sich mit weiteren Organisationen zur „Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugend-Alija“ zusammenschloss. Anfang 1934 verließ die erste geschlossene Gruppe der „Jugend-Alija“ Deutschland. Sie wurde im Kibbuz Ein Charod in Palästina aufgenommen.
1931/32 begannen Verhandlungen zwischen den Jugendbünden „Brith Haolim“ und „Kadima“ mit dem Ziel einer Vereinigung. Erstes gemeinsames Projekt wurde die Herausgabe der Zeitschrift „Galgal“. Im Februar 1933 vereinigten sich beide Jugendbünde unter dem neuen Namen „Habonim noar Chaluzi“ (Bauleute – junge Pioniere; kurz: Habonim). Damit war der bis dahin größte chaluzische Jugendbund mit ca. 3000 Mitgliedern entstanden.
Der Pionier-Verband „Hechaluz“, der 1932 etwa 600 Mitglieder hatte, verfügte gegen Ende des Jahres 1933 über 14 000 Mitglieder.
Auch die nichtzionistischen Jugendbünde bekamen nach der nationalsozialistischen Machtübernahme mehr und mehr Zulauf. Im Dezember 1933 entstand aus kleineren Bünden und Vereinen mit dem „Bund deutsch-jüdischer Jugend“ (BDJJ) der größte Jugendbund nicht-zionistischer Prägung.
Der schon seit 1924 bestehende „Reichsausschuss der jüdischen Jugendverbände“, dem 1933 fast 100 Jugendbünde und –vereine angehörten, wurde im November 1933 von der nationalsozialistischen Reichsjugendführung als „verantwortliche Zentralorganisation der jüdischen Jugend“ anerkannt und damit zum alleinigen Verhandlungspartner bestimmt.
1934 Aus der Jugend des Sportvereins „Makkabi“, dem „Jüdischen Pfadfinderbund“ (IPD) und kleineren Jugendbünden entstand der Pfadfinderbund „Makkabi Hazair“ (Der junge Makkabäer), der über die größte Mitgliederschaft jüdischer Jugendbünde verfügte. Programmatisch stand er zunächst der bürgerlichen „Zionistischen Vereinigung für Deutschland“ (ZVfD) nahe. Erst als Fragen von Alija und Kibbuz auch in diesen Jugendbund drängten, entschied man sich für (moderat) sozialistisch-zionistische Ziele, die auch den Weg zu einem Leben im Kibbuz öffneten.
1937 Der „Bund deutsch-jüdischer Jugend“ (BDJJ) wurde 1936 gezwungen, das Wort „deutsch“ aus seinem Bundesnamen zu entfernen und nannte sich daraufhin „Ring. Bund jüdischer Jugend“. Da die nationalsozialistischen Machthaber aber kein Interesse an jüdischen Organisationen und Jugendbünden hatten, die ihre Mitglieder nicht zur Auswanderung motivierten, wurde der „Ring“ als letzter nichtzionistischer Jugendbund im Frühjahr 1937 verboten.
Die vom „Reichsausschuss der jüdischen Jugendverbände“ publizierte Sammelschrift: „Gemeinschaftsarbeit der jüdischen Jugend“ erschien mit dem bis dahin umfassendsten Überblick zur Organisation der jüdischen Jugend in Deutschland.
1938 Der 1929 in Deutschland gegründete Landesverband des zionistisch-revisionistischen Jugendbundes „Betar“, der sich 1933 in „Jüdischer Jugendbund Herzlia“ umbenannt hatte, genoss nach 1933 zunächst gegenüber anderen jüdischen Jugendbünden Privilegien. So war er z.B. vom Uniformverbot ausgenommen, dennoch gelang es ihm nicht, eine nennenswerte Mitgliederschaft aufzubauen. Ende August 1938 wurde er als erster zionistischer Bund verboten.
Im Sommer 1938 begannen die meisten zionistischen Jugendbünde ihre Arbeit umzustellen. Es war auf Grund der vielen Restriktionen inzwischen fast unmöglich geworden, ein attraktives jugendbündisches Leben zu organisieren und neue Mitglieder zu werben. Ende Oktober, im Zuge der sogenannten „Polenaktion“, wurden zahlreiche Mitglieder von Jugendbünden inhaftiert und über die polnische Grenze abgeschoben. Im Novemberpogrom vom 9.–11. November 1938 wurden zahlreiche Ausbildungsorte der Hachschara überfallen, Chaluzim misshandelt, verhaftet und in Konzentrationslager gebracht. In der Bomsdorfer Hachschara bei Bitterfeld wurde ein Chaluz ermordet.
Mit Ausnahme von Makkabi Hazair stellten die chaluzischen Jugendbünde ihre Arbeit nach den Novemberpogromen 1938 fast gänzlich ein, schickten die Chaluzim auf Auslands-Hachschara und unternahmen alles, um ihre in KZs inhaftierten Mitglieder frei zu bekommen. Einige Funktionäre des Hechaluz arbeiteten ab Ende 1938 in der Abteilung Berufsvorbereitung des Palästinaamtes weiter.
1939 Da die Möglichkeiten zur Einwanderung nach Palästina durch die britische Alija-Politik immer weiter eingeschränkt wurden, begannen zionistische Instanzen auch illegale Auswanderungen (Alija Beth) nach Palästina zu organisieren. In Deutschland nannte man sie „Sonder-Hachschara“. Sie wurde von den Nationalsozialisten noch eine Zeit lang geduldet und gelegentlich sogar unterstützt.
Ab 1939 wurden von den in Deutschland verbliebenen zionistischen Aktivist*innen neue Hachschara-Ausbildungen organisiert, die nun allerdings schärfer reglementiert und überwacht wurden. Der Umbau der Hachschara-Arbeiten, die in Art und Form nichts mehr mit der ursprünglichen Intention der Auswanderungsvorbereitung zu tun hatten und in ein System der jüdischen Zwangsarbeit führten, war 1941 abgeschlossen.
1941 wurden die meisten Hachscharot aufgelöst.
1942 Im Mai des Jahres verübten Mitglieder einer illegalen Gruppe um den jüdischen Kommunisten Herbert Baum einen Brandanschlag auf eine „antibolschewistische“ Ausstellung im Berliner Lustgarten. Die Mehrzahl der Gruppenmitglieder hatte vorher verschiedenen jüdischen Jugendbünden, von „Deutsch-Jüdischer Jugend-Gemeinschaft“ bis „Haschomer Hazair“, angehört. Fast alle wurden gefasst und ermordet.
1943 Ende Januar wurde im niederländischen Breda Joachim „Schuschu“ Simon verhaftet. Er hatte in Deutschland dem „Habonim“ und „Hechaluz“ angehört, war im November 1938 auf seiner Hachschara in Ellguth verhaftet worden und ins KZ Buchenwald gekommen. Seine Entlassung wurde nur durch die Zusicherung einer Hachscharastelle in den Niederlanden möglich. Nach dem Beginn der Deportationen dort gehörte er zur Widerstandsgruppe um Joop Westerweel, die Fluchtrouten nach Frankreich, Spanien und Portugal vorbereitete. Nach wenigen Tagen in Haft beging Schuschu Simon Suizid.
In Berlin formierte sich im Februar um den Lehrer Jitzchak Schwerzenz eine kleine Gruppe namens Chug Chaluzi (Pionier-Kreis), die sich für ein Leben im Untergrund vorbereitete. Wenig später tauchten alle unter und lebten in der Illegalität.
Von April bis Juni 1943 wurden die Chaluzim, Chaluzoth sowie das Personal der Hachschara in Neuendorf im Sande, der letzten Hachschara-Stätte in Deutschland, in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert, einige von ihnen überlebten.
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In Zusammenarbeit mit
DFG-Forschungsprojekt: „Zwischen Alija und Flucht. Jüdische Jugendbünde und zionistische Erziehung unter dem NS-Regime und im vorstaatlichen Israel 1933–1945.“
Projektleitung: Prof. Dr. Ulrike Pilarczyk, +49 (0) 531-391 8807, ulrike.pilarczyk(at)tu-bs.de Technische Universität Braunschweig | Institut für Erziehungswissenschaft © 2023 |